Fragezeichen

Viele Fragezeichen habe ich. Ich schreibe. Dazwischen denke ich an nichts. Oder heule. Manchmal lese ich. Um dann wieder von vorne anzufangen. Lesen, schreiben, heulen und die Wand anstarren. Meilenweit entfernt von „bereit in die Klinik zu gehen“.

Ich zweifle. An mir und meinen Entscheidungen. An meiner Wahrnehmung. Meiner Einschätzung. Mein ganzes Weltbild wankt. Ach was, es ist schon zerstört. Es wurde letztes Wochenende zerstört. Eingestürzt, wie ein Kartenhaus. Meine üblichen Interpretations- und Erklärungsversuche. Wie so oft. Ich bin auf dem richtigen Weg. Sehe Dinge, die real sind. Und dann sehe ich immer mehr und mehr und mehr und mehr. Jede Wahrheit, die ich finde, hat nur eine geringe Halbwertszeit. Die nächste bereits in den Startlöchern. Die Wahrheit, sie schält sich heraus wie eine Zwiebel. Immer bin ich überzeugt davon JETZT ENDLICH die finale Schicht erreicht zu haben. Verstanden zu haben. Wenn ich fertig mit verstehen bin, sehe ich die neue Schale. Und es ist klar, ok, dass ist noch nicht der Kern. Nah dran, aber noch nicht da. Und so schäle ich mich durch eine weiter Schicht. Immer auf der Suche nach dem Kern. Immer in der Überzeugung ihn jetzt gefunden zu haben.

Narzissmus ist so ein Ding. Die vermeintliche Ursache. Der Kern. Endlich. Endlich etwas das Sinn ergibt und mich weiterbringt. Endlich etwas, was ich verstehe. Was erklärt, warum es in mir drin so aussieht. Erklärt, warum „so ein bisschen innere Kind-Arbeit“ bei anderen prima funktioniert, nur bei mir nicht. Ich bin kein unglückliches Kind. Ich habe tolle Eltern und eine schöne Kindheit. In meinem Kinder-Ich sehe ich den schrägen Film nicht. Und ich spüre ihn auch nicht, weil ich mich selbst nie gespürt habe. Meine emotionalen Erinnerungen aus der Kindheit? Selten ist da etwas, wie ich mich gefühlt habe. Häufig, das was andere Leute gefühlt haben. Als ich so alt war wie mein Sohn? Ich war da schon Eheberaterin und Paartherapeutin. Eingesetzt von meiner Oma. Spionin. Immer zwischen den Fronten. Und immer die, die alles richten sollte. Den Auftrag dazu bekam. Und immer wieder: Der Oma darf man nicht widersprechen. Weise Worte meines Opas, er war da pragmatisch. Hatte gelernt: Der Narzisst duldet keinen Widerspruch! Lass Dich auf keine Diskussionen. Und gebe keine Information preis. Sie wird später gegen Dich verwendet werden.

Mein Opa schwieg und ignorierte. Das dicke Fell. Meine Mama log und lebte ein Doppelleben. Mein Vater schüttelte über all das den Kopf und ließ meine Mum irgendwann einfach nur noch auflaufen. Und ich mitten drin. Mit dem Anspruch eine möglichst perfekte Tochter für die Oma zu sein. Der Oma bloß keine Schande zu machen (die dann als Versagen meiner Mutter ausgelegt werden könnte – Selbstschutz. Ich habe das erst jetzt verstanden.) Gleichzeitig lebten meine Eltern ihr Hippie-Leben und fanden das irgendwie ganz gut, dass ich ähnlich tickte. Und gleichzeitig nach außen die Unschuld vom Lande für die Oma geben konnte. Optisch. Schüchtern genug war ich auch.

Aber in mir wohnt ein kleiner Rebell. Dagegen. Vor allem dagegen sich zu verstellen. Und gleichzeitig ein Spiel mit den Rollen. In Verhandlungen habe ich es eingesetzt, dass ich harmlos und naiv wirken kann. Ich wurde unterschätzt, mindestens aber war mir stets ein Überraschungsmoment sicher. Und anschließend Respekt. Im Job wurde mir früher viel Respekt entgegengebracht. Ich kann sehr dominant und fordernd und unnachgiebig sein. Gleichzeitig bin ich so darum bemüht, dass es anderen gut geht, dass Kompromisse gefunden werden konnten. Verhandeln. Das kann ich. Solange keine Emotionen im Spiel sind. Es um die Sache geht. 2 Kunden haben mich klein gekriegt. Nicht in der Verhandlung. Bei der Begrüßung. Ich war ein Kind und bin aus der Rolle nicht mehr rausgekommen. Ein Desaster, auch emotional. Selten habe ich mich so minderwertig gefühlt. Regelrecht Panik vor der nächsten Verhandlung gehabt. Davor erneut ein Totalausfall sein zu können. Es ist lange nicht wieder passiert. Die Hintergründe heute erst verstanden. Mein narzisstisches Trauma. Es bestimmt meine ganze Sicht auf die Welt. Meine Welt. Nicht im Kopf, im Kopf habe ich all das lange hinter mir gelassen. Kenne die Dynamik, verstehe, kann einordnen, reflektieren. Emotional? Drück die richtigen Knöpfe und ich bin emotional sofort wieder „da“. In einer alten Situation. Mit allem was dazugehört. Ich fühle, was ich damals gefühlt habe. Und es sind so viele Situationen, die mich verletzt haben. Ein offenes Trauma, so nennt man es in der Psychotherapie. Meine Energie geht in die Bewältigung von Traumen. Und ich habe mir davon viele im außen kreiert, viele solcher Situationen, die mich getriggert haben. Unser (excuse my French) abgefuckert Vereinsvorstand. Meine 2 Chefs + die Hälfte der Firma. Meine Familie lassen wir mal außen vor, auch die habe ich mir nicht vom Leib (oder besser von der Seele) halten können. Aber der Todesstoß war meine Beziehung. Mein Freund. Und mein schlimmster Feind. Größter Lehrer. Wie auch immer man das sagen will.

Ich brauche keine alten Blogs zu lesen. Alles, was mit ihm geschehen ist, oder seit es mit uns angefangen hat, ging so tief in meine Psyche, dass jedes Gefühl noch da ist. Präsent ist. Alles, was passiert ist. Johanna, auch sie hat einen großen Anteil daran, dass es tief ging. Er hat mir die Situationen geliefert. Den Spiegel, an dem ich mich abarbeiten kann. Die Fragen, die ich stellen muss. Die Richtung, in die ich schauen soll, die hat Johanna vorgegeben. Ist ein Gedanke erstmal im Kopf, wird es schwer ihn wieder los zu werden. Der Same ist gesät, und wenn es ein böser Monsanto-Samen ist, dann wird leider auch dieser Samen zu eine Pflanze heranwachsen. Keine schöne Blume, sondern fieser Gen-Mais. Resistent gegen alles, selbst gegen Round-Up. Er war mein größter Lehrer. Ausgehalten habe ich das alles nur, weil ich keinen Job hatte. Zeit hatte all das zu bearbeiten, was hoch kam. Mich mit alten Verletzungen zu beschäftigen, sie hinter mir zu lassen. Zu erkennen, das es nicht er ist, sondern ich.

Es stimmt. Alles ist in mir. Alles findet in mir statt. Es sind meine Gefühle, nicht seine. Ich gebe ihm Schuld, wo er keine hat. Und doch lese ich die Phasen einer toxischen Beziehung und es ist mein Leben. Ungeschönt, einfach das, was in mir drin passiert ist. Wer trägt denn nun die Schuld? Was hat er befeuert, wo habe ich meine Grenze nicht deutlich gemacht. Es ist Käse. Alles ganz großer Käse. In unserer Beziehung stimmt etwas nicht. Ganz gewaltig nicht. Die Intensität eigentlich nicht zu ertragen. Zu schön, um wahr zu sein. Zu schmerzhaft, um schön zu sein. Lange zu unklar, um überhaupt wahr zu sein. Immer schmerzhaft. Immer intensiv. Mit viel Drama und wenig Ruhe. Ruhe, die wir beide eigentlich gesucht haben. Zur Ruhe kommen.

Wer trägt die Schuld? Er sagt mir immer wieder, dass ich eigentlich ein niemand bin. Nicht wirklich schlimm, wenn ich weg wäre. Er sagt es anders, aber seine Wortwahl ist so. Nicht mehr egal, statt wichtig. Am Anfang, ganz am Anfang hat er mir gesagt, wie ich wichtig ich ihm wäre. Irgendwann nur noch „egal“. Manchmal auch „Du bedeutest mir nichts“. Was auch immer. Es hat nie zu meinem Gefühl gepasst. Mich extrem verwirrt. Wem vertraue ich? Meinem Gefühl oder dem was er sagt?

Auch heute frage ich mich, was hinter seinen Aussagen steckt. Die Zitate aus dem letzten Blog. Wenn ich es so nehme, wie es geschrieben steht, kann ich nur zu einer Erklärung kommen. Mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Früher mehr, aber es ist immer noch da. Dieses Gefühl, dass er mich liebt. Worte, die nicht zu meinem Gefühl passen. Apelle, ich möge nicht interpretieren. Das nehmen, was er geschrieben / gesagt hat. Ich nehme es wörtlich und es verletzt mich. Ich höre auf mein Gefühl und es verwirrt mich. Egal, für welchen Weg ich mich entscheide, es geht mir nicht gut dabei. Überhaupt nicht gut geht. Womit es mir gut geht? Ignorieren. So tun, als wäre es nicht da. So, wie mein Opa mir geraten hat. Einfach ein dickes Fell.

Ich habe kein dickes Fell und ich möchte auch gar keines. Es macht mich kaputt. Was ich tatsächlich brauche, ist einfach nur Liebe. Bedingungslos, einfach weil ich bin wie ich bin. Egal, wie ich gerade im Moment bin. Zu wissen, dass ich auch ohne „Performance“ geliebt werde. Geliebt, auch wenn ich versagt habe. Das fehlt mir in meinem Leben. Es fehlt mir von meiner Familie. Es fehlt mir von mir selbst. Die Selbstliebe entdecke ich gerade. Es ist mir leichter gefallen, dass nicht alleine tun zu müssen. Jemand, der vermeintlich für mich da ist und mich auch unperfekt mag. Entlastend und entspannend nicht perfekt sein zu müssen. Wo ist dieses Gefühl hingegangen? Warum ist es weg? Und wie kann ich mich selbst lieben und gleichzeitig zulassen, dass mich jemand verletzt? Es ist ein einziger Widerspruch. Ein unlösbares Rätsel. So wie mein Job, ebenfalls eine unlösbare Aufgabe. Statt zurückzutreten und zu schauen, was ich FÜR MICH gutes daraus machen kann, habe ich versucht die Aufgaben trotzdem zu lösen. Einfach weil ich kann. Und wäre ich auch nur ein klein wenig härter im Nehmen, dann hätte ich das auch geschafft. Ich könnte härter im nehmen sein. Viel härter. Aber ich will nicht mehr. Irgendwas in mir drin lehnt „hart sein“ kategorisch ab. Nie wieder. Nie, nie wieder mich selbst bestrafen. Verlangen, dass ich dankbar bin für einen Job / Freund / Mutter, obwohl es mir nicht gut tut. Von mir selbst verlangen, dass ich weiter mache, hart bin, nicht aufgebe und mich nicht so anstelle. Dass ich eine gute was auch immer für wen auch immer bin. Mein Anspruch an mich selbst. Keine Angriffsfläche bieten. Möglichst perfekt sein. Und niemals aufgeben, weil das mit Versagen gleichzusetzen wäre. Und immer wieder kommt die Selbstliebe um die Ecke und fragt: Was ist mit mir? Damit, wie es Dir geht? Ist das nicht wichtig? Bist Du Dir nicht wichtig? Warum bleibst Du in der Situation?

Ich sitze da, wie das Kaninchen vor der Schlange. Keine Widerworte geben. Unfähig und klein. Ein Kind kann keine Entscheidungen treffen. Ich traue mir nicht zu beurteilen zu können, was gut für mich ist. Zu groß ist der Widerstand meiner Familie, meiner Chefs, meines was auch immer. Immer wieder ein Grund Dinge nicht zu tun. Weil irgendjemand sagt: Geht schief. Das kannst Du nicht. Du verstehst doch gar nichts von der Welt. Meine Oma versteht nichts von der Welt. Trotzdem beeinflusst sie mein Denken. So bekloppt sie ist. Was, wenn Oma recht hat? Immerhin ist sie Oma. Lebenserfahrung. Was, wenn sie Recht hat? Egal, wohin ich blicke oder mich wende. Mach es nicht. Sei vorsichtig. Du weißt doch gar nicht…

Ich kämpfe dagegen an. Es kostet zu viel Kraft. Mit der Familie zu brechen bringe ich nicht über mich. Es scheint mir falsch. Liebe. Mitunter habe ich die auch für meine Oma. Manchmal kann ich mich darauf einlassen, dass sie ein schlimmes Leben hatte. So schlimm, dass sie es selbst verdrängt hat. Zu tief sitzt die Gehirnwäsche ihrer Eltern. Ihr Wille, der wurde ihr schon als Kleinkind gebrochen. Meine Ur-Großeltern waren stolz darauf. Haben sich damit gebrüstet ihre Tochter zu Gehorsam erzogen und ihr den Willen gebrochen zu haben. Es erklärt so viel, aber entschuldigt es auch ihr Verhalten? Ich bin selbst Mutter. Ich sehe, wie ich gegenüber meinem Kind versage. Auch versage, weil meine Mutter mich nicht richtig geliebt hat. Weil sie nicht geliebt wurde. Sie hat Mutterliebe von ihrer Mutter nicht lernen können. Auch meine Oma konnte scheinbar von niemandem lernen, wie Mutterliebe sich anfühlt. In unserer Familie ist vieles schräg.

Aber kann ich mich durch eigene traumatische Erlebnisse wirklich der Verantwortung für meine Taten entziehen? Ist das eine legitime Entschuldigung? Meine Aufgabe zu akzeptieren und zu verzeihen? Es fühlt sich nicht richtig an. Schwere Kindheit hin oder her, meine Oma hätte. Ach, sie hätte so viel gekonnt. Sie hat aber nicht. Nicht mal verstanden hat sie. Bis heute nicht.

Er? Hat auch ein Trauma. Mindestens durch eine unverarbeitete Trennung. Ich vermute, dass auch hier die Trennung nur das Deckmäntelchen ist. Das auch in seiner Familie Narzissten ihr Unwesen getrieben haben. Narzissten. Was ein blödes Wort. Es geht um typische Verhaltensweisen, nicht um Pauschalverurteilung bestimmter Menschen. Menschen passen nie in Schubladen. Vermute, es geht auch bei ihm um etwas, was viel tiefer ist. Und weil es in unserer Beziehung schon immer diese Ähnlichkeiten gab, ist da vermutlich auch auf seiner Seite genug Reibungsfläche für mich. Und ja, die Frage, wer von uns der Narzisst ist, die stellt sich. Ich konnte es vor ein paar Tagen nicht beantworten und kann es heute nicht. Nicht mal, ob wir überhaupt Narzissten sind, oder uns doch eher wie typische Opfer verhalten. Eins wird deutlich. Große Verlustangst und wenig Vertrauen. Beide gefangen in einem Film von „der / die wird eh gehen“. Zum Scheitern verurteilt. Ich hänge nicht mal an seiner Fotowand. Und ich muss lachen. Lachen, über den Moment als ich damals unser Foto aus dem Päckchen zog. Mich gefreut habe. Als es darum ging einen Platz zu finden, fragte ich mich, ob er wohl auch einen Rahmen für seine Fotowand gemacht hat.. Ich denke sogar, dass ich ihn gefragt habe, ohne eine Antwort zu bekommen. Lachen, weil ich damals dachte „sicher nicht, dann muss er Dich wenigstens nicht abhängen, wenn es nicht funktioniert hat.“ Und genauso war es scheinbar auch. Da hat meine innere Stimme mir gute Dienste erwiesen. Wie so oft. Stelle ich die Frage, erhalte ich umgehend eine Antwort. Ich musste daran denken, als ich das Bild weggenommen habe. Jetzt stehen mein Sohn und ich dort. Ich sehe nicht, was dort wirklich steht. Gehe ich vorbei, sehe ich uns. So sehr, dass ich schon irritiert stehen geblieben bin. Häh, das Bild hattest Du doch weggeräumt? Und wieder, häh, was hast Du da gerade gesehen. Nicht mal der Rahmen ist ähnlich. Das Bild schaut mich aus dem Schrank heraus an. Direkt in meine Augen und fragt mich: Ist es das was Du wolltest? Und wie immer, wenn ich eine Frage stelle, erhalte ich umgehend eine Antwort. Nein. Ein klares Nein. Das ist überhaupt nicht was ich wollte. Überhaupt nicht was ich will. Ich wollte nie gehen. Ich will es auch heute nicht. Was auch immer der Kopf dazwischen quakt, mir zu erzählen hat, wie Recht er haben mag oder auch nicht. Mein Gefühl sagt etwas anderes.

Und gleichzeitig weiß ich, dass vor allem mein Gefühl diese Entscheidung getroffen hat. Um mich zu schützen. Zu schützen vor etwas, was mir offensichtlich überhaupt nicht gut tut. Es ist irrelevant, warum es mir nicht gut tut. Unwichtig, was genau mir nicht gut tut. Ich muss es nicht verstehen, keine Erklärung finden, keinen Schuldigen. Nichts. Ich darf wahrnehmen, das was ist wahrnehmen. Es tut mir nicht gut. Er tut mir nicht gut. Löst zu viel Chaos in mir aus. Chaos, dem er sich nicht stellen will. Nicht stellen kann, weil er eigenes Chaos hat, dem er sich ebenfalls ungern stellen will. Wir drehen uns im Kreis. Inzwischen hat sich ein Berg an Verletzungen aufgebaut, der sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. Jede erlittene Verletzung taugt als Ausrede, doof zum Anderen zu sein. Es ist in Teufelskreis. Was bleibt ist aber immer auch die Gewissheit: Egal, was ich tue. Egal, wie viel Therapie ich mache. Egal, was ich mache. Ich werde sein Problem nicht für ihn lösen können. Und soll das auch gar nicht. Mit einem ungelösten Problem kann ich nicht leben. Es wirkt sich auf die Art aus, wie wir eine Beziehung führen.

Tief verinnerlicht, diese Angst jemanden zu verlieren. Auf beiden Seiten. Er spiegelt mir immer wieder, dass ich mich noch nicht als würdig erwiesen habe. Noch nicht klar ist, ob er will das ich bleibe. Ich kann dieses Spiel nur überleben, wenn ich zumindest die Fassade wahre. Meine Selbstachtung nur dadurch aufrechterhalten, dass ich mich auf ein ähnliches Niveau herablasse. Der eine weiß nicht, ob er jemals wieder kann. Der andere nicht, ob er überhaupt jemals könnte. Jeder hängt in seinem Trauma. So tief, dass es keinen Ausweg gibt. Der Ausweg? Den anderen verletzen. Genau die Knöpfe zu drücken, die besser ungedrückt bleiben sollten. Und immer wieder demonstrieren: Hey, wenn Du gehst, geht MEINE Welt zumindest nicht unter. Wir beide. Anderes Spiel, gleiches Ergebnis.

Fehlendes Vertrauen. Und damit die Basis für alle weiteren Verletzungen. Ist mir jemand wohlgesonnen? Fühle ich mich wertgeschätzt und angenommen? Vergreift diese Person sich im Ton, macht das nichts mit mir. Ich weiß, wie ich es einordnen kann und nehme es nicht persönlich. Passiert halt. Wir sind alle nur Menschen. Ist das Vertrauen angeknackst? Dann geht Kritik tiefer. Der Ton wird entscheidender. Stehe ich auf der Watchlist? Was ist hier los? Ist zwischen uns alles ok? Bin ich ok? Das alles lässt sich aushalten, solange ich nicht abhängig bin. Nicht untergeordnet. Im Job? Ich brauche den Job. Und als Chef steht er über mir. Privat? Ich brauche ihn, brauche die Geborgenheit. Er würde mir sehr fehlen. Und habe das Gefühl, dass er alleine entscheidet, ob ich bleiben darf oder gehen muss. Weggeekelt. Ein Wort, dass ich früher häufiger benutzt habe, um zu beschreiben, wie ich mich fühle. Weggeekelt und damit die mir zugedachte Rolle perfekt ausgefüllt zu haben. Den gegangen bin ich. Ich habe die Beziehung weggeworfen. Diese Schuld trage ich. Ob ich wirklich „ich wusste immer, dass Du gehen wirst“ gehört habe oder es mir nur einbilde. Es ist da. Als Anklage an mich. Der Vorwurf, dass ich auch gehen werde. Wie alle Frauen, alle Menschen ohne Werte. Der war unausgesprochen immer da. Immer das Gefühl schon vorher verkackt zu haben. Aufgrund meines Geschlechts per se nicht vertrauenswürdig zu sein. Es ist alles müßig. Erklärungsversuche. Versuche für mich selbst irgendeine Basis zu finden. Ein „ich hab’s, wir reparieren dieses Rädchen und alles läuft wieder“. Es wäre so schön. So schön. Zu schön, um wahr zu sein.

Deshalb ist es auch nicht wahr. Es ist einfach nicht wahr. Mir geht es schlecht. Ich habe Angst vor ihm. Das Bild vom geprügelten Hund ist wahr. So fühle ich mich. Auch das mit der Selbstliebe ist wahr. Ich kann diese Beziehung nicht mit meiner Selbstliebe vereinbaren. Es wühlt mich auf, verletzt mich. Bringt mich so an die Grenze, dass ich nicht mehr klar denken kann. Mein Leben bricht auseinander. Es ist genau der Kampf, den ich nicht führen kann. Der, für den meine Kraft nicht mehr reicht. Ich nehme den Trostpreis und gebe auf. Einfach auf. Ich kann nicht mehr kämpfen. Der Hamster in seinem Hamsterrad, der irgendwann aufgibt. Das einzige, was ich brauche ist ein ruhiger Hafen. Geborgenheit. Sicherheit. Wissen, das der Hafen noch steht, wenn ich morgens aufwache. Meine Realität? Ich wache morgens auf und bin in einer anderen Stadt. Einem Sturm auf offener See. Auf einem Berg weit weg vom Meer. Und jedes Mal habe ich Panik. Nackte Angst. Wo bin ich? Wie bin ich hier her gekommen? Was passiert mit mir? Annehmen, akzeptieren, loslassen. Morgens der Check: Ist noch alles dran? Atmest Du noch? Ok, dann lebst Du noch und es geht weiter. Alles wird gut. Ich kann mich selbst regulieren. Es kostet Kraft. Mich immer wieder neu orientieren zu müssen. Es löst Panik aus. Jedes Mal. Manchmal Todesangst. Auf einem Boot im Sturm aus dem Schlaf zu schrecken, wenn man dachte in einem sicheren Hafen zu sein. Lass den Sturm weg. Auch ohne Sturm eine Grenzerfahrung, die sich aber bewältigen lässt. Schalte den Sturm wieder ein und es ist lebensbedrohlich. Es geht um alles oder nichts. Ich kann nicht mehr. Wenn Leben auf einem Boot bedeutet, dass das mit mir passiert, dann kann ich nicht auf einem Boot leben. Außer ich baue eine große starke Mauer um mein Boot, eigenhändig, um ganz sicher zu gehen, dass es wirklich wirklich sicher für mich ist auf dem Boot. Aber ganz ehrlich? Ein eingemauertes Boot? Wem soll das nützen, zu was soll das gut sein? Es ist die denkbar schlechteste Lösung. Vielleicht wäre es in diesem Fall besser einfach zu akzeptieren, dass ich mich auf einem Boot nicht sicher fühle. Einen anderen Ort zum Leben brauche. Den 4-Kant Hof. Es bleibt mein Traum. Unbelastet ist er nicht mehr. Der Gedanke erfüllt mich mit Trauer nicht mit Freude.

Abschied. Noch bin ich nicht so weit. Ich fühle mich schlecht. Ich zweifle. Zeichen. Überall Zeichen. Für jeden Zweifel erhalte mindestens ein Zeichen, gerne auch mal mehr. Die geistige Welt weiß, dass ich schwer von Begriff bin. Immer im Zweifel. Heute morgen in meiner Inbox. Darf ich Deinen Rucksack tragen? von Lesley. Ich habe lange nichts von ihr gelesen. Wenn ich lese, trifft es den Nagel auf den Kopf. Etwas abstrakter, aber auch sehr treffend: Ungesagtes Warum gerade heute? Karten, die mir wieder in die Hände gefallen sind. Ich ziehe: Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben. Manch einer mag hier den ultimativen Beweis für meinen Narzissmus sehen. Ich sehe mich als ich die Karte geschrieben habe. Klein, unbedeutend. Jeder hat Platz in meinem Leben, in meinem inneren, nur ich selbst nicht. Ich musste weinen. Dann und auch jetzt. Es steckt so vieles dahinter. Es ist treffend ausgerechnet diese Karte zu ziehen. Mehr als treffend. Wie so oft. Das Gefühl der Wahrheit. Egal, was der Kopf sagt. Wahrheit und Klarheit im Gefühl. Zu wissen: Egal, was mein Kopf mir für eine Geschichte hierzu präsentiert. Es ist wahr.

Und es ist wahr. Ich selbst bin der Fokus in meinem Leben. Die wichtigste Person in meinem Leben. Nur, wenn es mir gut geht, kann ich der Welt etwas zurückgeben. Nur, wenn Fülle in mir drin ist, kann ich anderen dienen. Ohne Selbstliebe, keine Liebe für andere. Ohne Selbstliebe, keine Liebe von anderen. Es gilt für uns beide. Für mich, aber auch für ihn.

Der Tag hat einiges gebracht, war anstrengend. Meine Katzen sind weg. Mein Kind ist weg. Vollkommen alleine in der Wohnung. Seine Kinder ebenfalls nicht da. Wir hätten uns gesehen. Eigentlich. Ich habe mich darauf gefreut. Mein letztes Wochenende zu Hause. Mit ihm. Nochmal Nähe tanken. Es tut weh. Wieder zweifle ich. Und ziehe noch eine Karte. Ich segne mich und mein Wirken. Mehr gibt es nicht zu sagen. Die richtige Entscheidung. Die einzige Entscheidung. Mich in Sicherheit bringen. Dafür sorgen, dass es mir gut geht. Mir selbst eine gute Mutter sein. Alles andere wird folgen. Loslassen und akzeptieren, was kommt. Vertraue dem Leben, denn es meint es gut mit Dir. Tränen, sie laufen. Ich kann es nicht ändern. Akzeptieren, was ist. Akzeptieren, dass ich keine Kontrolle habe. Mich dem Lauf der Dinge hingeben und vertrauen. Mehr kann ich nicht tun.

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